Wir schreiben das Jahr 1933. Es ist das Geburtsjahr der weltbekannten Bialetti. Es ist das Jahr in dem der Italiener Alfonso Bialetti (1888 – 1970) sich einen Kaffee- und Espressogenuß in der heimischen Küche wünschte, wie es im Café ums Eck möglich ist. Das kleine Männchen mit Schnurrbart. Weltruhm. Und der Kaffee. Eine Kolumne.

Für seine Erfindung nutzte Bialetti dabei das Wasserdruckprinzip (auch als „Perkolator-Prinzip“ bekannt), welches er in den kleinen, mittlerweile auch in überdimensionalen Größten erhältlichen, achteckigen „Espressomaschinen“ oder auch mehr oder minder als „Espressokanne“ betitelten Alu-Maschine, für den heimischen Herd realisierte. Und das mit Erfolg, schließlich hat es Bialetti mit seiner „Bialetti Moka Express“ mittlerweile sogar in das „Museum of Modern Art“ in New York geschafft und ist nach Firmenangaben, der Unternehmenssitz befindet sich übrigens in einem kleinen Örtchen namens Coccaglio (unweit von Mailand gelegen … man könnte auch sagen etwa auf halber Strecke zwischen Verona und Mailand, den beiden Hauptstädten der Mode in Italien), mittlerweile mehr als 300 Millionen mal über die Ladentheke und damit in heimische Küchen gewandert.
Coccaglio lässt sich einfach erklären. Ein kleines Örtchen irgendwo im nirgendwo. Unscheinbar. Wie eine italienische Oase mitten in der Wüste. Ein paar kleine Bars, Lädchen und dennoch ist es für Kaffeeliebhaber eine Art Assisi der Kaffeefanatiker, auch wenn man dort nicht hin pilgert. wer einmal diesen Ort besucht hat, wie ich, wird schnell und unmittelbar feststellen, dass es hier nicht viel zu holen gibt und dennoch ist es der Ort eines weltweit anerkannten Unternehmens. In der kleinen, schlecht erhaltenen Straße am Ortsausgang befindet sich die Firmenzentrale vom Bialetti. Empfangen wird man durch die mannshohe Bialetti-Maschine. Eindrucksvoll durch und durch. An dieser Stelle wurde und wird Geschichte geschrieben. Eine Geschichte, die Italien prägt und in aller welts Munde beeinflussende Wirkung gelassen hat. Doch wissen nur die wenigsten, dass es nicht der Erfinder war, der sein Zauberwerk so erfolgreich machte, sondern sein Sohn. Alfonso Bialetti galt zwar als Erfinder als Genie, Wirtschaft, Marketing und Finanzen galten ihm allerdings teilweise wie fremde Planeten. Tatsächlich war es sein Sohn, der das Unternehmen zum Weltruhm verhalf. Nach seiner Rückkehr als Mechaniker aus Frankreich in seine Heimatstadt Omegna (im Nord-Westen von Mailand gelegen, siehe Bild) gründete er eine anfänglich kleine metallverarbeitende Firma.

Schnell sollte sich das Blaff zu seinen Gunsten wenden. Doch ohne die passende Vermarktung stand und so ist es auch heute noch so, steht die beste Erfindung im Schatten. So verkaufte Bialetti seine kleinen Maschinen zunächst an kleinen Handelsstellen und Märkten. Ein Glück, dass sein Sohn, Renato Bialetti, welcher sich der Wirtschaft und dem damaligen Marketing besser verstand. Dieser erkannte wiederum recht rasch das Aus seines Vaters Händen geschaffenen Kännchen, meldete ein – bis dahin nicht erfolgtes – Patent auf die Bialetti an und verhalf der Espressomaschine gleichzeitig mit einem geschickten Marketing zu Ruhm. Einem weltweiten Ruhm.

Eine „Espressomaschine“, die Weltruhm erlangt hat und dabei eigentlich doch so simple ist und aus lediglich drei essentiellen Teilen besteht. Dabei hat das Unternehmen mittlerweile ein ansehnliches Sortiment. Angefangen bei der Bialetti für lediglich einen Kaffee, die aufgrund der Größe auch als Schlüsselanhänger anmuten könnte bis zu Bialettis, mit denen etwa 20 Tassen auf einmal gekocht werden können und damit der Größe nach fast mit Filterkaffeemaschinen vergleichbar sind. Und dann wären da auch noch zahlreiche Utensilien, ein nettes und zugleich gewinnbringendes Tool ist eine Metallplatten mit wärmeresistentem Griff für Induktionskochplatten, mit dessen Hilfe auch Aluminiumversionen der Bialetti zuverlässig funktionieren oder der hauseigene Kaffee. Man weiß, wie man Kunden bindet und fängt. Auch wenn das Unternehmen aus betriebswirtschaftlichen Gründen das Wirtschaftsjahr 2022 mit einem Verlust abschließen musste, ist die Beliebtheit der achteckigen Espressomaschine ununterbrochen. Jeder echte italienischer Haushalt nennt mindestens eine Bialetti sein Eigen. Man könnte sie fast mit der Vespa vergleichen.
Corina Gall schreibt in einem Beitrag in der NZZ (Neue Zürcher Zeitung) vom 19. Juli 2023 dazu unter dem Titel „Der Duft Italiens: Die Moka von Bialetti wird 90 Jahre“:
» […] Bialetti verkauft heute Küchenutensilien aller Art. Darunter ein Kulturgut Italiens, das die Marke weltberühmt gemacht hat: die Moka Express […] In einer «Bialetti» entstehe der perfekte Kaffee, behaupten die Nonnas am Küchentisch und die Hipster auf Instagram. […] «
C. Gall / NZZ
Der Kreativität und Ideenreichtum nimmt dies keine Abstriche. Mittlerweile gibt es sogar eine Special-Edition in Zusammenarbeit mit dem Hause „Dolce & Gabbana“. Während man im schwedischen Einrichtungshaus die Bialetti um etwa zehn Euro erwerben kann, kosten diese Modelle allerdings ab 80 Euro aufwärts. Für Liebhaber und Sammler lassen diese Modelle sicherlich die Herzen höher schlagen, doch für den einfachen Kaffeegenuss bedarf es dem sicher nicht.



Dennoch auch Bialetti muss am sprichwörtlichen Ball und damit für Kunden interessant bleiben. Wie eingangs erwähnt sah das Geschäftsjahr 2022 für das Unternehmen aus der norditalienische Provinz betriebswirtschaftlich nicht gerade rosig aus. Der weltweit aktive Konzern sah sich in der Vergangenheit mehrfach dem Konkurs gegenüber gestellt. Gar kein Wunder, in einer Zeit, in der es einfacher ist und wesentlich schneller geht, eine Kapsel in die Maschine zu geben und nach nicht einmal einer Minute der Kaffee in der Tasse ist. Wer hat heute, außer der Nonna mit der Kochschürze am Massivholztisch, noch die Zeit am Morgen um die Bialetti in Schwung zu bringen. Mitbewerber auf dem Markt der Kaffeezubereitung, wie etwa Nespresso, ziehen klar den Verteil aus dieser für das italienische Kulturgut „Café“ Misere. Und ja, Asche auf mein Haupt auch ich liebte schon immer Kaffee aus einer Bialetti und dennoch in meinem Restaurant hatte auch ich schnell die betriebswirtschaftlichen Vorteile von Siebträgermaschinen und Vollautomaten erkannt. Und dennoch sind Preise wie etwa die Luxus-Version der Bialetti tatsächlich mehr als fragwürdig.

Eines bleibt dennoch und unter allen Umständen unangetastet und das ist die Kaffeelust der Italienerinnen und Italienern. Allerdings nicht nur derer, echte Kenner wissen weltweit guten Kaffee aus guten Geräten zu schätzen.