Mafia

Es ist Frühsommer in Roma (Rom), als ich draußen sitze, Musik mache. Die Sonne treibt mir jeden Tropfen an Wasser und Wein aus dem Körper.

Täglich kommt eine Frau an mir vorbei, die mich anschaut. Immer wieder. Keine Ahnung warum. Irgendwann bemerkte sie, dass ich ihr hinterher schaue. Schwarze gelockte Haare. Schritte, wie sie nur Italienerinnen in Absatz hin bekommen. Sie blickte zurück und lächelte. Es war die Via di Porta Angelica, auf der ich saß. Täglich kam sie frühs vorbei… zehn Minuten später zurück und mittags das selbe Spiel.

Doch ansprechen? Sie immer in einem sehr ansprechendem Anzug. Perfekt gekleidet. Von oben bis unten durchdacht. Das Haar, mit den brünetten Locken schwungen mit jedem einzelnen Schritt mit.

Irgendwann blieb sie bei mir stehen und sprach mich an. Wir kamen ins Gespräch, ich etwas verlegen und mit peinlichen Blicken fing auch an, mich zu öffnen.

Schnell stellte sich heraus, dass L. Anwältin ist, 44 Jahre jung und alleinerziehende Mama. Sie hatte sich vor langer Zeit der organisierten Kriminalität in Italien zugewandt. Mafia. Mafia?! Ok. Aus diesem Grunde war sie aus ihrer Heimat Sicilia nach Roma gekommen, wo sie mit verschiedenen Behörden zusammen arbeiten konnte und einige Fische ins Netz brachte. Es blieb also nicht beim netten Gespräch, sie kannte meine Situation und wir trafen uns immer und immer wieder im Hotel, wenn ihre Tochter betreut werden konnte.

Das war mein erster Kontakt zur Mafia.

»Die Mafia in Italien ist gut organisiert« … sagte sie damals bei einem netten Dinner, weiter sagte sie: »… die arbeiten wie eine Firma, wie ein Großunternehmen …« (Gesprächserinnerung)

Es wurde Mitte 2022 und wir vertrauten immer mehr. Sie sprach und berichtete immer mehr. Die „Mafia“ lässt sich in grob drei, eher fünf verschiedene Gruppen unterscheiden.

Früher dachte ich, dass die Mafia nur mit Waffen, Gewalt, … zu tun hat. Heute weiß ich, dass das Spiel tiefer geht. Ich darf und werde nicht alles preis geben. Nur man sollte wissen, dass die Wirtschaft in Italien teilweise von der „bösen“ Mafia abhängig ist. Und das traurige, auch sozial schwache Menschen, denn: durch die eingenommenen Schmutzgelder werden Krankenhäuser gebaut, Schulen, Pflegeheime, Kindergärten (gut, heute sagen wir „KiTas“ oder „Kindertagesstellen“) und weitere soziale Einrichtungen. Primär in sozialen Brennpunkten.

Durch diese Art der „Unterstützung“ gewinnt die Mafia in ihren fünf Gruppierungen einen Zuruf der Bevölkerung. Es wird häufig weg geschaut. Die Politik greift nur teilweise ein – auch aus Machtlosigkeit – und dann kommt hinzu, dass viele Geschäfte indirekte „Steuern“ einbringen, auch für Politiker der italienischen Regierung ein schönes und willkommenes „Nebeneinkommen“.

Wir (L. und ich) unterhielten uns stundenlang vor dem Schlafengehen über diese Politik. Die Mafia ist mal einfach erklärt wie in Deutschland (…) fünf verschiedene Schützenvereine. Diese haben verschiedene Stufen und Positionen. Es laufen alle Tätigkeiten darauf hinaus im jeweiligen Verein so viel wirtschaftliche Mittel wie möglich zu generieren. Jeder Schützenverein braut ein Budget, was er durch Mitgliedsbeiträge generiert. Damit können Funktionäre finanziert werden und neue Schießstände finanziert werden. Mal ganz „doof“ erklärt.

Die Mafia bildet also einen Bund (ausschließlich von Männern) die drei Dinge im Hintergrund haben: Geld gewinnen, Geldwäsche (auch durch soziale Hilfe und eine Art der Machtgewinnung in verschiedenen Ebenen – politisch, als auch wirtschaftlich.

L. war und ist nicht ganz unbeteiligt an dem Prozess, der gerade in Deutschland läuft. Wir hatten vor wenigen Tagen ein Gespräch. Es gibt viele Ungereimtheiten. Es gibt viele mafiöse Tätigkeiten im Hintergrund. Bei der Polizia di stato und anderen Behörden.

Meine zweite interessante Begegnung mit der Mafia ergab sich dank L. etwas später. Ich durfte in Roma Transtevere Augenzeuge eines Einsatzes der Carabineri werden. Die Beamten der Spezialeinheit der Carabineri stürmten ein augenscheinlich unauffälliges Restaurant. Unweit der Via della Conciliazione (unweit des Vatikans). Es gab Waffen, Rauchbomben und Festnahmen.

Eine weitere Begegnung hatte ich in Venedig, als mir „Andrea“ davon berichtete, dass er nicht mehr nach Sicilia – seiner Herkunft – kann, weil er in italienischen Restaurants in deutschen und österreichischen Restaurants an Geldwäsche beteiligt war. Er würde sich „fürchten“. Die „la familia“ würde ihn töten. Doch allora… auch in Venecia ist er nicht sicher. Es gibt eine klare Struktur, die ihn aus dem System „löschen“ würde.

L. (nennen wir sie jetzt mal Laura – kommt ihrem richtigem Namen ähnlich) berichtete von den grausigen Taten der Mafia und den Hintermännern. Es geht in ihren Prozessen nicht immer um die „Großen“, manchmal nur um die „Kleinen“.

Eines Morgens berichtete sie mir in der Hotelbar, dass sie gehen müsse mit ihrer Tochter. Es gäbe SMS und WhatsApp-Nachrichten. Drohungen. Ok. Nur was waren DAS für Drohungen und von wem? Ich habe und durfte es bis heute nicht erfahren.

Die Mafia ist und bleibt bis heute in Italien verwurzelt. Diese Vereinigungen der Klein- bis Großkriminellen hat sich im europäischem Raum einen Platz geschaffen. Luna darf beitragen, dem entgegen zu wirken. Doch wer steckt hinter der Mafia? Es sind nicht die kleinen! Es sind Bosse, mit Macht, finanziellem Einfluss und vielen Kontakten. Ob kriminell oder nicht – DAS bleibt dahingestellt.

Ich weiß nur eins: es sind Menschen, wie du und ich. Bei denen die letzte Hose / das letzte Hemd auch keine Tasche hat. Und von einer Begegnung gibt es irgendwann etwas in meinem Buch zu lesen.

Aus dieser Begegnung habe ich gelernt: ich habe eine Telefonnummer, nur erreichbar bin ich nicht.

Die letzten Kontakte kommen im Buch vor, es wird einen ausführlichen Kommentar dazu geben!

Hinterlasse einen Kommentar

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten